Kritik FN
Hier sehen Sie die Kritik der "Freiburger
Nachrichten":
Mittwoch 22. November 2000,
Agglomeration Theater,
ein bisschen wie Musik
Deutschfreiburger Theatergruppe
mit «Mirandolina» im Kellerpoche
Mit Carlo Goldonis Stück
«Mirandolina» feierte die Deutschfreiburgische Theatergruppe
DFTG vergangenen Samstag im Kellerpoche Freiburg die Premiere ihrer diesjährigen
Produktion. Die gelungene Umsetzung des Lustspiels aus dem Jahre 1751
ist noch an den kommenden drei Wochenenden zu sehen.
Von CAROLE SCHNEUWLY
Vier Männer, der verarmte
Marquis von Forlipopoli, der neureiche Graf von Albafiorita, der frauenfeindliche
Ritter von Ripafratta und der hochanständige Kellner Fabrizio scharwenzeln
in einem florentinischen Gasthaus um die schöne Wirtin Mirandolina.
Diese versteht die Waffen ihrer weiblichen Verführungskunst so geschickt
einzusetzen, dass ihr schmachtend alle vier zu Füssen liegen und
am Ende gar der notorische Frauenhasser Ripafratta zum feurigen, wenn
auch etwas plumpen Liebhaber wird. Nicht gerade vereinfacht wird die Situation
durch die gleichzeitigen Versuche zweier ebenfalls in der Herberge weilender
Komödiantinnen, die Gunst der adligen Gäste zu erwerben.
Nichts weiter also als eine
relativ durchsichtige Komödie aus dem 18. Jahrhundert, deren Ende
schon fast zu Beginn absehbar ist? Regisseur Mathias Hagi, für die
DFTG bereits zum fünften Mal in dieser Funktion tätig, meint
dazu, die Geschichte sei vielleicht nicht gerade weltbewegend, doch handle
es sich um ein gutes, ein «cooles» Stück, mit dem er
und sein Schauspielerteam dem Publikum zwei Stunden ansprechender und
geistreicher Unterhaltung bieten könnten.
Keine Angst vor Herausforderungen
Trotz
solch bescheidener Töne gab es für Mathias Hagi und die acht
beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler bei ihrer diesjährigen
Produktion genügend Herausforderungen zu meistern. So beschreibt der
Regisseur «Mirandolina» als ein Stück, das in seinen Handlungssträngen
und Dialogen ein bisschen wie Musik sei, leicht, schnell, elegant und
damit gerade für ein Laientheater alles andere, als einfach umzusetzen.
Auch die engen Verhältnisse
der Kellerbühne, mit ihrer familiären Atmosphäre für
die Zuschauer sicher von besonderem Charme, habe die Arbeit für das
Team nicht gerade erleichtert, so Mathias Hagi weiter. Da die Bühne
darüberhinaus von zwei Seiten einsehbar sei, sei es für ihn
als Regisseur eine schwierige, aber interessante Aufgabe, bei einer Theaterproduktion
räumlich zu denken wie ein Kameramann beim Film. Mittels einer äusserst
geschickten Positionierung der Darsteller und der sehr spärlich eingesetzten
Requisiten ist ihm dies hervorragend gelungen, ohne je künstlich
oder verkrampft zu wirken.
«Meine Signori, erinnern Sie sich...»
Eine gute Leistung zeigten
aber auch die Schauspielerinnen und Schauspieler, denen es über weite
Strecken des Stücks gelungen ist, dessen rasanten Grundrhythmus aufrechtzuerhalten
und die Zuschauer auf diese Weise in ihren Bann zu ziehen. Gelungen auch
die Darstellung der einzelnen Figuren, die allesamt auf der Schwelle zwischen
der traditionellen Commedia dell'arte und einem eigenständigeren
und realitätsnaheren italienischen Lustspiel im Sinne Carlo Goldonis
einzuordnen und damit nicht ganz leicht zu treffen sind.
Diese Charaktere dem Publikum
verständlich zu machen, haben die Schauspieler indessen mit fast
schon verblüffender Leichtigkeit geschafft. So wurden sie immer wieder
mit spontanen Lachern und Klatschern aus den Zuschauerrängen belohnt,
etwa wenn Michèle Marin als Mirandolina mit unschuldigem Augenaufschlag
fragte: «Ja, bin ich denn eine, die die Männer verrückt
macht?», oder wenn der treuherzige Kellner Fabrizio (Tomas Bascio)
seiner Angebeteten versicherte, für sie würde er sogar die Sterne
vom Himmel holen.
Die Lacher auf seiner Seite hatte regelmässig auch Alfio Finocchiaro,
der nicht nur mit seinem wohlklingenden Namen direkt dem Stück hätte
entsprungen sein können, sondern mittels gekonnter Mimik und Gestik
seiner Figur, dem Marquis von Forlipopoli, genau die richtige Dosis an
karikierender Überzeichnung verlieh.
Und wer aus dem Theater gerne eine Moral mit nach Hause nimmt, auch der
kommt nicht zu kurz, zumindest wenn er dem starken Geschlecht angehört.
Mirandolinas Schlussbotschaft an die Herren der Schöpfung kann hier
wohl vorweggenommen werden: «Meine Signori, erinnern Sie sich an
die Listen, die Sie gesehen haben. Erinnern Sie sich an Mirandolina.»
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